Virtualität und politische Aktion

In seiner sehr freundlichen Besprechung der “Kritik der vernetzten Vernunft” kommt auch Luca Hammer, wie vor ein paar Wochen schon Bastian Greshacke, auf die Frage zu sprechen, ob die Politik, wie ich behaupte, wirklich “Leiblichkeit braucht”, ob die politische Aktion auf die Straße muss, um wirksam zu sein. Er schreibt

Natürlich gibt es die Möglichkeiten des Blockens und Ignorierens. Die gibt es jedoch bei der Leiblichkeit auch. Sobald ich das Protest sehe, drehe ich um und mache etwas anderes. Den Erstkontakt muss ich online auch haben, um zu wissen, wen ich meide. Gerade auf Twitter und Facebook sind es selten homogene Netzwerke.

Das ist natürlich richtig, aber ich meine – glaube ich – etwas anderes. Es geht nicht darum, Menschen mit Argumenten zu überzeugen oder zum Nachdenken zu bringen. Das ist der zweite Schritt, der voraussetzt, dass überhaupt erst mal eine Bereitschaft zur Auseinandersetzung da ist. Das meiste ist ja im Alltag einfach so akzeptiert, die Menschen spüren ein dumpfes Unbehagen, haben sich aber mit den Gegebenheiten arrangiert und halten sie für alternativlos. Wir befinden uns ja nicht in einer revolutionären Situation, wo alle schon überall diskutieren, wie es weitergehen soll (auch wenn manche, gerade in den abgeschiedenen Ecken des Netzes, sich das einbilden mögen) Wer eine Gesellschaft umgestalten will, der muss zunächst mal den gewohnten Alltag stören. Und der findet “draußen” statt, da wo wir essen, arbeiten, feiern, rumlaufen, trinken, lieben, tanzen usw. Das ist die “Leiblichkeit” und da muss man hinkommen.

Luca schreibt später:

Und Hacker können auch den digitalen Alltag stören, indem Regierungsseiten oder Online Shops beeinflusst werden.

Da gebe ich im nun völlig recht, und umso mehr solche Prozesse zu aller Alltag werden, sind sie auch nicht mehr virtuell (deshalb schreibe ich ja, dass nichts virtuell bleibt). Ich teile nicht mal seine Bedenken gegen solche Aktionen, natürlich gibt es einen fließenden Übergang zwischen Partisanen und Terroristen (genauer gesagt, ist die Perspektive jeweils eine andere). Aber ganz ohne einen gewissen Teil partisanischen Tuns wird die Gesellschaft nicht grundsätzlich zu wandeln sein.

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2 Antworten auf Virtualität und politische Aktion

  1. Dr. Webbaer sagt:

    Man könnte sich sicherlich darauf einigen, dass die Politik die “Leiblichkeit” nicht unbedingt braucht, dass sie aber hilft politischen Erfolg zu haben, u.a. weil sie Vertrauen (oder: Misstrauen, aber das soll an dieser Stelle nicht interessieren) generiert.

    So wie man kaum einer virtuellen Person Geld leihen würde, würde man diese auch kaum wählen. Kein Wunder also, dass Politiker oft so außerordentlich leutselig sind oder zumindest so scheinen (das erschließt sich aber erst im Umgang, in den Medien kommt das kaum rüber).

    MFG
    Dr. Webbaer

  2. Jörg Friedrich sagt:

    Das ist sicherlich auch ein interessanter Aspekt, wobei hier zu erwarten ist, dass in Zukunft die Virtualität der Twitter- und Facebook-Präsenz eben auch verschwindet. Das soll heißen: So wie heute die Politiker nicht mehr unbedingt das “Bad in der Menge” nehmen müssen weil das Publikum aus Gewohnheit und Erfahrung ein Fernsehinterview eben auch nicht mehr als “virtuell” ansehen, so werden sie auch Facebook-Profile und Twitter-Meldungen als authentisch, als real akzeptieren, Äußerungen von realen Personen, die natürlich wirken (wobei Trug und Schauspiel, wie in der heute als real geltenden Welt, immer möglich sind).
    der vorläufige Unterschied bleibt eben zum einen die fehlende Mehrdimensionalität (man kann nur lesen, vielleicht hören und ein bisschen sehen, aber nicht umfassend “erleben”), die Asynchronität und das jederzeit mögliche “Ausschalten”. Eine Diskussion mit einem leiblich anwesenden Menschen lässt sich erfahrungsgemäß nicht so leicht beenden wie die mit einem “virtuellen” Kommentator ;-)

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