Kunst und Künstlichkeit

Steffen Lars Popp hat in seiner Kritik der Kritik der vernetzten Vernunft sein Unbehagen mit meinem Begriff der Kunst zum Ausdruck gebracht. Er verweist zu Recht darauf, dass Kunst mehr ist als eigenweltliche Künstlichkeit, dass sie „im Gegenteil immer zugleich auch den Blick auf die ungeordnete, abgründige, vorsprachliche „wilde“ Realität hin mit öffnet“. Ich finde diesen Gedanken interessant, möchte aber, bevor ich ihm nachgehe, meine Position ein wenig erläutern.

Zwei Dinge vorweg. Erstens: Ich sehe die Vernetzung der Begriffe Wildnis – Natur – Kultur – Künstlichkeit (Kunst) nicht als eine Entwicklungskette, schon gar nicht als zweck- oder zielgerichtete Folge. Zwar kann man wohl sagen, dass der Mensch sich tatsächlich zuerst die Wildnis als Natur eingerichtet hat bevor er sie technisch als Kultur her- und zugerichtet hat um schließlich künstliche Wirklichkeiten nach seinem Welt-Bild zu erzeugen. Aber dies ist lang vorbei, die Wildnis bricht – im Kleinen wie im Großen – immer aufs Neue in die künstlichen und kulturellen Wirklichkeiten ein, Natur geht verloren und wird neu von Wildnis abgegrenzt (oder – als Zurücksinken aus dem Kulturell-Technischen – vom Menschen sozusagen wieder freigegeben, siehe die so genannten Landschafts- und Naturparks in ehemals technisch genutzten Gebieten). Es gibt da keine gerichtete Evolution sondern nur ein Spannungsverhältnis zwischen wilden, natürlichen, kulturellen und künstlichen Teilen der Wirklichkeit der vernetzten Vernunft. Meine Formulierung, „dass das Bedeutungsnetz, das bei der Wildnis beginnt…, mit der Kunst tatsächlich seinen Abschluss findet“ (Seite 80) ist da vielleicht missverständlich.

Zweitens: Ich kann nicht oft genug betonen, dass auch ich als Autor der „Kritik der vernetzten Vernunft“ natürlich Teil dieser vernetzten Vernunft bin. Als solcher werfe ich Begriffsnetze über die verwobene, vliesartige Realität um mir ein Stück Wirklichkeit zu fangen, und meiner Vernunft zugänglich zu machen. Es ist mir bewusst, dass meine Begriffe und die damit verbundenen Unterscheidungen meine Konstruktionen sind, und dass die Realität diese klaren Differenzierungen so wenig kennt wie die Grenzen, die meine Begriffe ziehen.

Nun aber zur Kunst: Ich will in meinem Buch natürlich keine Definition von Kunst geben und schon gar keine Philosophie der Kunst entwickeln. Am Begriff der Kunst zeigt sich für mich besonders schön, wie vielfältig das philosophische fragen sein kann, oder, um im Bild von Lars Steffen Popp zu bleiben, wie viele unterschiedliche philosophische Brillen man aufsetzen kann. Ich habe viele verschiedene philosophische Ansätze zu Kunst und Ästhetik gelesen, sie waren für mich alle anregend und erhellend, sie scheinen sich alle in ihrem Begriff von Kunst zu widersprechen und doch würde ich nicht sagen, dass es darunter richtige und falsche Kunst-Begriffe gibt.

Aber Popp sagt ja auch gar nicht, dass mein Kunst-Begriff falsch ist, er hält ihn für unzureichend. Da hat er sicher recht, und es gibt zwei Aspekte, einen unproblematischen und einen problematischen.

Unproblematisch ist für mich, dass ich keinen Kunst-Begriff formuliert habe, der es auch nur ansatzweise ermöglichen würde, Kunst von anderen menschlichen Tätigkeiten oder Erzeugnissen  zu unterscheiden. Mein Kunst-Begriff ist sicherlich zu weit, er erfasst auch Wirklichkeit, die keine Kunst ist und es auch nicht sein soll. Unproblematisch ist das für mich, weil ich – wie oben schon gesagt – auch keine Definition oder Philosophie der Kunst liefern wollte. Ich setze sozusagen ein Vorverständnis von Kunst voraus, nach dem meine Leser selbst intuitiv urteilen können, welche Ergebnisse menschlichen Handelns sie als Kunst ansehen und versuche zu skizzieren dass diese Ergebnisse (Werke) dem Bereich des Künstlichen („größtmögliche Übereinstimmung von Wirklichkeit und Welt“, Seite 79) zugeordnet werden können. Es gibt sicherlich (dafür habe ich auch Beispiele angeführt) vieles Künstliche, das keine Kunst ist.

Problematisch ist für mich die Lücke, die Popp ausmacht wenn er darauf hinweist, „dass Kunst, bei (oder gerade wegen) aller formalen eigenweltlichen ‚Künstlichkeit‘“ eben wieder auf Wildnis zurückverweist. Das wäre in der tat ein interessanter Aspekt, der in meinem Bedeutungsnetz Berücksichtigung finden müsste. Bei mir ist bisher ja nur der „Einbruch der Wildnis“ in die Künstlichkeit bedacht, die sich z.B. in den Grenzen die das Material dem Künstler setzt, oder z.B. in den Aufführungsbedingungen eines Musikstücks oder im allmählichen Verfall des Werks zeigt (der wiederum durch Kultur-Techniken aufgehalten oder rückgängig gemacht werden kann, was wieder zu einer neuen Künstlichkeit gegenüber dem ursprünglichen Kunstwerk führt). Dass sich der Kreis wieder schließen könnte, wenn Kunst auf Wildnis (z.B. Vorsprachliches, Vor-Kulturelles) zurück verweist, ist bei mir nicht mit bedacht, ist ein Gedanke, dem ich noch weiter nachzugehen habe.

Wahrscheinlich lässt sich bei diesem Zurück-Verweisen der Zusammenhang zwischen Künstlichkeit und Virtualität nutzbar machen, der mir ja auch sehr wichtig ist. Kunst könnte dann – in bestimmten Situationen – etwas sein wie eine „virtuelle Wildnis“. Aber das ist erstmal nur ein nebulöser Gedanke. Ich greife mir zunächst noch mal den Adorno und den Derrida, und dann sehen wir weiter. Inzwischen bin ich auf weitere Anregungen gespannt.

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Eine Antwort auf Kunst und Künstlichkeit

  1. Lieber Jörg Friedrich,

    vielen Dank für Ihre offene Klarstellung! Damit nehmen Sie meine Kritik sehr viel ernster, als sie gemeint war ;-) In der Tat ging es mir lediglich darum, der Missinterpretation ihrer Begriffsreihung / Formulierung auf Seite 80 vorzubeugen. Und da ich von der Kunst komme, ist es natürlich klar, dass dort einfach aus ganz egoistischen Gründen mein Bauchweh am größten ist; bzw. dass es mich interessiert, wie diese fruchtbar innerhalb ihres spannenden Begriffskonzepts (weiter)gedacht werden kann. Denn, wie sie ja in ihrem Buch auch erwähnen, hat die Kunst manches mit der Philosophie, manches mit der Wissenschaft gemein. Eben diese Gemeinsamkeiten und Unterschiede mit ihrem Raster noch weiter herauszuarbeiten, fände ich spannend.
    Deshalb noch diese kleine Erläuterung meinerseits: Das Erlebnis, das ich als Betrachter/Erleber von Kunst immer mit habe, ist, meine ich, das ihrer Überdeterminiertheit: ich kann immer mehr Bedeutung herauslesen bzw. hineininterpretieren, als der Erschaffer des Kunstwerks selbst “geplant” hat. Und ich werde mich doch immer daran “abarbeiten”, eine eindeutige Decodierung zu finden. Das ist das, was Derrida “Différance” nennt und jede ästhetische Erfahrung besonders prägt (aber eben ausschließlich diese, wie Menke in dem von mir erwähnten Buch deutlich macht). Das funktionert sogar bereit beim “Readymade”; also wenn Duchamp einfach ein Pissior hernimmt und dazu ein Schild aufstellt, dass dieses als Kunst ausweisen soll. Dann gucke ich plötzlich ganz anders auf das Pissior: das unangenehme Gefühl der Gleichzeitigkeit von “Sinnlosigkeit” und Bedeutungsüberschuss stellt sich ein, aber auch seine Materialität, die mir vorher nicht besonders auffiel, wird durch diesen Fokus plötzlich ganz anders “erfahrbar”. Es gibt also sozusagen auch Kunst, die “beinahe” schon nicht mehr “künstlich” ist. Aber eben nur beinahe, denn es braucht vielleicht eben als Mindestanforderung die künstliche Setzung/Behauptung (Virtualisierung?): “das ist Kunst” … ;-)
    Allein durch diese “Rahmung” schon verweist Kunst jedenfalls immer auf ihre Leiblichkeit, Konstruiertheit, ihre Ausschnitthaftigkeit – und damit zugleich auch auf den “wilden” Rest der Realität, der dabei “unter den Tisch” fällt.
    Um es kurz zu sagen: ich würde behaupten, “Künstlichkeit” sei per se eher selbstvergessen, also wie Sie sagen: Welt und Wirklichkeit sollen zur Deckung gelangen; das, was dabei unter den Tisch fällt, soll eben gerade nicht “stören”.
    Zu Recht warnen Sie mit ihrem Buch vor den Gefährlichkeiten, die genau darin liegen.
    Und jetzt eben nur meine kleine Ergänzung: Kunst hingegen zeigt immer auf ihre eigene Grenze – und damit darauf, dass Realität, Welt und Wirklichkeit gerade nicht deckungsgleich sind (bzw. das vielleicht auch niemals sein können).
    Um nochmal das Eingangsbild meiner Kritik zu bemühen: Kunst wäre also auch als eine Brille zu verstehen, die teils ähnlich, teils andere Wahrheiten produziert, wie Wissenschaft oder Philosophie.Womit auch klarer würde, warum sie, wie Sie sagen, auf ihre Art zwischen diesen beiden stünde. Badiou übrigens wiederum unterscheidet sogar vier “Wahrheitsprozeduren”: Kunst, Wissenschaft, Politik und Liebe. Und diesen säße die Philosophie einerseits obenauf und müsse sich ihnen andererseits teilweise doch unterordnen, siehe ganz kurz und oberflächlich hier:
    http://www.wissen57.de/fur-alain-badiou-gibt-es-ewige-wahrheiten.html
    Was uns genau zu dem Schluss Ihres Buch bringt: “Der Mensch ist das Wesen, das philosophiert.” Und ich erlaube mir eine letzte Ergänzung: “miteinander”.

    Danke dafür!

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