Wenn ein Autor auf kritische Stellungnahmen zum eigenen Werk ablehnend oder ärgerlich reagiert, dann setzt er sich immer der Gefahr aus, als jemand dazustehen, der selbstgerecht keine Kritik und keine anderen Standpunkte akzeptiert. Diese Möglichkeit nehme ich in Kauf, denn ich möchte mich im Folgenden zu einer Mail eines jungen Magisters der Philosophie und Geschichte äußern, die ich gestern erhielt.
Der junge Mann beklagt die große Zahl der Autoren, die seit 1990 zum Thema Internet und Cyberspace ihr “gesammeltes Nichtwissen garniert mit Vorurteilen zwischen zwei Buchdeckel gekippt” hätten und konstatiert, mein Buch wäre “da nicht wirklich eine Ausnahme”. Dieser Kritik mangelt es zwar an Konkretheit, gibt mir aber Gelegenheit, erneut auf ein Missverständnis hinzuweisen: Es geht in der “Kritik der vernetzten Vernunft” gar nicht um eine Philosophie des Internet, es geht um Vernetzungen, Geflechte, Gewebe des Wissens, Handelns und Hoffens – um Verküpfungsprozesse, die natürlich mit dem Internet eine neue Dynamik und Alltäglichkeit gewonnen haben.
Aber das ist gar nicht der zentrale Punkt. Was mich an der Mail des jungen Mannes wirklich besorgt macht ist die Behauptung, es sei zunächst eine “gründliche systematische Auseinandersetzung” mit dem Internet auf “ordentlichem fachlichen Niveau” nötig, die sich nicht “an ein nicht-akademisches Publikum” wendet. Zuerst sei die “Diskussionen innerhalb der Philosophie” zu führen, Popularisierung stehe “notwendig am Ende der Wissensgenerierung”.
Hier scheint mir ein grundsätzliches Missverständnis darüber vorzuliegen, was Philosophie ist. Ich möchte Antonio Gramsci zitieren, der die Sache in seinen Gefängnisheften sehr richtig auf den Punkt gebracht hat:
Man muß das weitverbreitete Vorurteil zerstören, die Philosophie sei etwas sehr Schwieriges aufgrund der Tatsache, daß sie die spezifische intellektuelle Tätigkeit einer bestimmten Kategorie von spezialisierten Wissenschaftlern oder professionellen und systematischen Philosophen ist. Man muß daher vorab zeigen, daß alle Menschen »Philosophen« sind…
Das bedeutet nicht, dass jeder Mensch immer philosophiert und dass es einfach wäre, Philosophie zu betreiben. Tatsächlich gibt es eine Differenz zwischen Alltagsverstand und Philosophie: Philosophieren beginnt in dem Moment, in dem sich der Mensch über die Selbstverständlichkeiten seines eigenen Alltagsverstandes zu wundern anfängt, in dem er sozusagen von seinem Alltagsverstand Abstand nimmt und diesen kritisch reflektiert.
Aber es ist nicht einer Gilde von Fachphilosophen vorbehalten, in diesen Modus des Wunderns zu kommen, es wäre völlig belanglos, wenn die einen, die sich Philosophen nennen, sich über die anderen, die vorgeblich im Alltagsverstand gefangen sind, wundern und dann vielleicht in “popularisierter” Form am Ende ihrer philosophischen “Wissensgenerierung” dem alltagsverhafteten Publikum das Resultat ihres Wunderns mitteilten.
Selbstverständlich kann ein Studium bereits vorhandener Wege des philosophischen Staunens hilfreich sein, um die Augen für das verwunderliche des Alltags zu öffnen und den Abstand der philosophischen Reflexion vom eigenen alltäglichen Selbstverständnis zu gewinnen. Und so können die “studierten Philosophen” vielleicht auch andere Menschen, die den Drang zur philosophischen Reflexion spüren, ein Stück begleiten. Vor ein paar Jahren schon schrieb ich dazu einen kleinen Text, der mit den Worten endet:
Philosophen sind keine Wegweiser und schon gar keine Straßenbauer. Sie sind Wanderer auf einem Gletscher oder im Gebirge. Man folgt ihnen auf eigene Gefahr, und am besten nur für eine Weile. Selten ist es dort, wo man hinkommt, sicherer als da, wo man losgegangen ist. Im besten Fall kommt man in Gegenden, die man zuvor noch nicht kannte und erlebt – meist weit abseits vom Trubel – ein paar schöne Momente der Stille und Weitsicht.
Das Buch wird schon ganz OK sein. der Webbaer hat jetzt einiges zusammengetragen und kann sich ein Bild machen.
JF-Qualität eben.
BTW, der Eindruck kann täuschen, aber der Singsang (‘Philosophen sind keine Wegweiser und schon gar keine Straßenbauer. Sie sind Wanderer auf einem Gletscher oder im Gebirge. Man folgt ihnen auf eigene Gefahr, und am besten nur für eine Weile. (…)’) scheint ein wenig zuzunehmen.
MFG
Dr. Webbaer
Der Singsang stammt ja aus einem zwei Jahre alten ScienceBlogs-Text, und steht auch nicht im Buch. Die Neigung zur bildhaften Sprache habe ich wohl schon immer.