Das Judentum, das Jüdische und die Juden. Nachdenken über Begriffe.

Der nächste Band der „Schwarzen Hefte“ von Martin Heidegger erscheint demnächst, und die Diskussion um diese, zwischen 1942 und 1948 niedergeschriebenen Überlegungen ist bereits im vollen Gange. Ich kenne natürlich die Texte noch nicht, und es liegt mir fern, Heidegger zu verteidigen. Mir scheint jedoch, dass die empörte öffentliche Debatte es sich erneut zu einfach macht, und damit eine wirkliche Kritik der Denkens Heideggers verfehlt oder sogar unmöglich macht. Deshalb will ich hier ein paar grundsätzliche Gedanken notieren.

Heidegger spricht oft vom Jüdischen, auch vom Judentum, hin und wieder von den Juden. Nehmen wir zwei Sätze aus den Schwarzen Heften, über die die Empörung besonders groß ist. Weiterlesen

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Ist das Netz ein erweiterter Geist?

Die Idee des erweiterten Geistes setzt bei der Tatsache an, dass ich zum Denken und Entscheiden oft Hilfsmittel aus meiner Umgebung benötige. Ich mache mir Notizen, führe Telefonbücher, schreibe Einkaufszettel usw. Das alles entlastet mein Gehirn und hilft mir beim Denken. Man könnte sagen, dass diese ganzen externen Hilfsmittel Teil meines Denkens sind, weil sie sozusagen ins Denken einbezogen sind. So, wie eine Liedtextzeile, die ich auswendig gelernt habe, zum Denken gehört, so gehört dazu auch die Zeile, die ich irgendwo nachschlage und ablese.

Dass das Internet zum Teil eines so verstandenen erweiterten Geistes wird, erleben wir heute tagtäglich in alltäglichen Verrichtungen. Das Smartphone ist das Kopplungsglied zwischen dem biologischen Geist im Gehirn und dem erweiterten Geist, der aus Kalender, Notizfunktion und E-Mail-Postfach, Suchmaschinen und Online-Enzyklopädien besteht. Wir rufen bei Bedarf eine Unmenge von Informationen aus dem Netz in einer Präzision und Zuverlässigkeit ab, die das Gehirn nicht liefern könnte, weil wir sie entweder nie gelernt haben oder weil sie längst im Ungewissen der Erinnerung versunken sind.

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Goldene Regel und Kategorischer Imperativ

Wenn es um moralische Grundsätze geht, wird gern mal die Goldene Regel ins Spiel gebracht, und immer wieder auch der Kategorische Imperativ von Immanuel Kant. Im Alltag werden beide auch immer mal wieder gern durcheinander geworfen, und gern erklären Talkshow-Philosophen dem Publikum, das unterhalten werden soll, den Kategorischen Imperativ als Goldene Regel. Aber das ist ein Missverständnis. Es lohnt sich, über den Unterschied nachzudenken.

Die goldene Regel besagt ja, dass ich anderen Menschen gegenüber so handeln soll wie ich möchte, dass sie auch mich behandeln. Oder negativ: ich soll anderen nichts antun, was man mir auch nicht antun soll. Wenn ich nun etwa meine, clever zu sein und meine Interessen gut durchsetzen zu können, dann kann ich auch sagen, dass das auch gern die anderen mit mir tun dürfen. Ich habe kein Problem mit allen Handlungen aus purem Eigennutz, wenn ich von mir selbst glaube, der cleverste unter den Egoisten zu sein. Weiterlesen

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Marx’ Feuerbach-Thesen – von vorn gelesen

Ob Marxisten oder Gegner des Marxismus: Sie alle lesen die Thesen über Feuerbach von Karl Marx zumeist von hinten. Sie fangen mit der pathetischen 11. These an und bleiben dann spätestens bei der mystischen wortspielerischen 10. These hängen. Das ist bedauerlich, denn in den ersten Thesen steckt eine Weisheit, die auch die Philosophie der folgenden anderthalb Jahrhunderte übersehen hat. Es lohnt sich, die Thesen von vorn zu lesen.

Gleich in der ersten These steht schon das Entscheidende: Weiterlesen

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Rosettas Kunststück

Rosettas Flug zu 67P/Tschurjumow-Gerassimenko und die Landung von Philae auf dem Kometen war technisch eine Meisterleistung, auf die die Ingenieure, letztlich die ganze menschliche Zivilisation stolz sein können. Ob es auch wissenschaftlich ein Erfolg ist, werden die nächsten Monate zeigen, wenn die Daten ausgewertet und interpretiert sind, die Rosetta an die Erde gesendet hat.

Wir nennen Wissenschaft und Technik oft in einem Atemzug, aber es lohnt sich, beide zu unterscheiden. Sie sind wie gute Freunde, die sich gegenseitig helfen, auch wenn sie nicht immer den gleichen Weg gehen und verschiedene Ziele haben. Technik macht Wissenschaft möglich, das zeigt Rosetta ebenso wie der Teilchenbeschleuniger am CERN, und wissenschaftliche Erkenntnisse sind Voraussetzung für technische Entwicklungen. Auch wenn manche technische Apparatur, die gut funktioniert, noch ihrer wissenschaftlichen Erklärung harrt, man denke nur an die Supraleitung. Ingenieure wissen, dass man Wissenschaft auch mal ignorieren muss, um ein Gerät in Gang zu setzen. Wissenschaft will erklären und verstehen, Technik soll funktionieren. Weiterlesen

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Der freie Wille im Netz

Der Wille, zumal der “Freie Wille” ist in die Defensive geraten. Nicht erst, seit die Neurobiologie meint, nachweisen zu können, dass das Gehirn schon eine Entscheidung über die Auswahl einer von zwei Optionen getroffen hat, bevor das Ich selbst etwas davon weiß, haftet dem Willen der Ruf an, etwas Unnötiges oder sogar Unerwünschtes zu sein. Schon in meinen Kindertagen wurde ich darauf hingewiesen, dass das Wollen etwas Unerhörtes ist. “Ich will ein Eis!” Das auszusprechen war ungehörig, “ich möchte gern” oder “ich möchte bitte”, das hatte ein wohl erzogenes Kind zu sagen. Nietzsches “Wille zur Macht” geistert als Phrase durch die politischen Kommentare der Gegenwart, machtwillige Politiker sind uns suspekt, auch wenn wir sie heimlich bewundern.
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Netztalk in Hannover

In der Reihe “Netztalk” im Pavillon in Hannover werde ich am 08.12.2014 ab 19:00 Uhr über meine aktuellen Gedanken zur vernetzten Vernunft sprechen. Weitere Informationen gibt es auf der Webseite des Veranstalters.

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Digitalisierung als Kulturprozess

Am 05.12. und 06.12. nehme ich jeweils an einem Diskussionsworkshop unter dem Titel “Digitalisierung als Kulturprozess” teil, die die Universität Witten-Herdecke durchführt. Während es am Freitag um politische Aspekte geht, steht das Wissen am Samstag im Vordergrund. Nachmittags wird in kleiner Runde diskutiert, abends gibt es jeweils eine öffentliche Podiumsdiskussion.

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A Letter to Sally Regarding Deepities

Dear Sally,

you have called a tweet from me a Deepity some days ago and during the last days we have had a long conversation on this topic on Twitter.

I think, it will be a good idea to think about the possibility that Dennett was wrong in defining a “Deepity” as an attribute of one statement alone. I think, it is not possible to decide if one proposition is a deepity without considering its context. From the context we can derive the meanings of the notions used in the statement, and also the kind of sentence the statement belongs to.

But in Twitter, often, we have no context, even in our case. What is to do. We can try to fill the used notions with meanings in a way that the statement is not a deepity. We may consider that the writer of the tweet to some extend may use another language as we, having the same words but different meanings, and we may try to find this meanings. If not possible, we also are free to ignore the tweet.

In our case, the point was, I think, the meaning of the notion “world“. I think, in the tweet I replied to the word was used in at least two different meanings (this is no problem in everyday speaking, an so it is no problem in tweets). First, world marked there a part of the reality we are acting in. This part of reality is formed by people and, on the other side, influences the actions, believs, and intentions of people. I would suggest to call this part of reality actuality or factuality. (we have in German the nice word Wirklichkeit).

The other meaning of world the tweet I replied to used was something as the picture of reality (or of actuality) people have. This is often the meaning we have if we say “In my world”, “an artists world” or something like that.

I would suggest to use world only in the last meaning. However, if you think about the differnt meanings of world, maybe, you will see the problem of the statement in the tweet I replied to, and maybe you will understand the intention of my reply.

Best regards

Jörg

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Es ist immer noch die eigene Entscheidung

Die Angst vor den Algorithmen wächst. Riesige Datenmengen, die das Verhalten eines jeden von uns archivieren, angehäuft in Rechenzentren und analysiert von gigantischen Großrechnern, machen die Absichten und sogar die Handlungen jedes Einzelnen berechenbar und vorhersagbar, so liest man.

Geheimdienste wissen auf diese Weise schon früher als wir selbst, was wir tun werden. Unternehmen können uns dann im richtigen Moment die passenden Angebote machen, die wir, weil wir sie gewollt haben, gar nicht ablehnen können. So verlieren wir unsere Eigenständigkeit als handelnde Wesen, wir hängen wie Marionetten an den Fäden der Algorithmen, werden manipulierbar.

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